Wer war diese so warmherzig titulierte Frau und warum nannte man sie schon zu Lebzeiten und noch heute so? Frau Maria Lucia Apicella, eine des Lesens und Schreibens unkundige Obsthändlerin aus Cava, hochverehrt und mit höchsten italienischen und deutschen Auszeichnungen versehen starb im August 1982 mit fast 95 Jahren. Zwei Päpste empfingen sie in Privataudienz, der damalige deutsche Botschafter Clemens von Brentano empfing sie in Rom, Bundespräsident Theodor Heuß verlieh ihr 1957 das Bundesverdienstkreuz mit Schulterband und eine von der Bundesrepublik ihr angebotene Alterspension schlug sie aus. Daneben erhielt sie eine große Zahl italienischer Ehrungen, darunter die Ehrenbürgerwürde von Salerno und von Cava.
Der geschichtliche Hintergrund:
Im September 1943 landeten 55.000 britische und amerikanische Soldaten mit 450 Schiffen unter Führung von General Eisenhower im Golf von Salerno, auch unmittelbar vor Cava. Die deutschen Truppen leisteten zwar erbitterten Widerstand, doch letztlich musste General Kesselring den geordneten Rückzug bis hinter Monte Cassino verfügen.
Während die Alliierten ihre Gefallenen selbst bergen und beerdigen konnten, war das den sich unter heftigem Beschuss zurück ziehenden Deutschen nicht möglich. Die jungen deutschen Gefallenen blieben liegen, wo sie der Tod ereilt hatte: An Wegrändern, zwischen den Felsen der bis zu 1.000m hohen Bergen, in Grotten, vielleicht noch von den Kameraden mit lockerer Erde oder Steinen bedeckt, den herumstreunenden Tieren ausgesetzt....
Hier beginnt die tätige Nächstenliebe der Maria Lucia Apicella: Als sie Kinder mit einem Totenschädel Fußball spielen sah, brach es ihr fast das Herz und sie erbat die Genehmigung der Alliierten und des Rathauses und sammelte ab Juli 1946 die sterblichen Überreste in kleinen Urnenkästchen, wälzte Steine fort, grub mit den Händen und das immer in Gefahr von Minen und Blindgängern. Anfangs traf sie nicht nur auf Zustimmung, so wurde ihr auch bei sengender Hitze Wasser oder andere Hilfe verweigert, aber mit der Zeit erkannten man dann doch ihre selbstlosen Beweggründe. Von da an gab es auch Hilfe: So wurden ihr kleine Zinkkassetten gemacht; nach langen Widerständen auch der Kirche durfte sie – weil das eigene Haus zu klein für die großen Menge an Kassetten wurde – diese in der Kapelle San Giacomo Minore lagern.
Auf diese Weise spürte Mamma Lucia die sterblichen Überreste von nahezu 800 deutschen Gefallenen in den Bergen in und oberhalb von Cava auf und sammelte sie ein. Zumeist gaben dabei die metallenen Erkennungsmarken die Identität der Toten preis, manchmal aber auch z. B. Briefe, das Soldbuch oder eine goldene Armbanduhr mit dem Namen.
Das Rote Kreuz und der Vatikan erlaubten eine würdige Bestattung der nicht identifizierbaren Gebeine auf dem Caveser Friedhof. Bei dem Totenrequiem 1946 waren 400 deutsche Kriegsgefangene sowie zwei Priester aus Bayern anwesend, welche 150 Urnen mit nach Deutschland nehmen durften um diese, wie auch all die anderen klar zuzuordnenden Urnen mit Hilfe des Roten Kreuzes ihren Familien, Vätern und Müttern in Deutschland zuzuleiten. Ein Beispiel aus unserer Nähe ist Aloys Sauerland aus Unna, dessen Bruder Franz sich 1958 brieflich und mit einem Foto seines gefallenen Bruders bei Mamma Lucia bedankt.
Im Herbst 1980 machten 80 Schüler der Berufsbildenden Schulen aus dem sauerländischen Olsberg mit ihrem Lehrer W. Andreas auf einer Studienfahrt Halt in Cava, übergaben Mamma Lucia einen großen Strauß Rosen und sangen in „ihrer“ Jacobuskapelle das Lied vom toten Kameraden...
1980, zwei Jahre vor ihrem Tod, erschütterte ein Erdbeben die Provinzen Kampanien und Kalabrien. Auch Cava und die Kapelle San Giacomo wurde erheblich geschädigt. 1984, zur Gründung unserer Städtepartnerschaft, hatte die Partnerschaftsgesellschaft zur Spende dafür aufgerufen und konnte dem Caveser Bürgermeister Prof. Eugenio Abbro einen Betrag von über 3.000 DM übergeben. Trotz weiterer Spenden von vielen Seiten konnte die Kapelle aber bislang wohl gesichert, nicht aber wieder aufgebaut werden.
Bei ihrer Beisetzung am 27.8.1982 sagte der deutsche Generalkonsul in Neapel: “Das Werk von Mamma Lucia ist Geschichte geworden. Es bedeutet die Wiederannäherung unserer beider Völker. Wir werden das niemals vergessen!“
Was Mamma Lucia tat, tat sie aus mütterlicher Sorge und Liebe und tiefer christlicher Frömmigkeit. Damit gab sie ein Zeichen für Leid und Schmerz aller Mütter in unsinnigen, unseligen Kriegen.
Viel wurde über das Werk von Mamma Lucia geschrieben; die bedeutensten Bücher sind „Die Toten reden“ von Q. Santoro, 1953 / 2002 und „Mamma Lucia – Mutter der Gefallenen“ von R. Senatore, 2004. Beide Bücher (in italienisch) sind auch in der Schwerter Stadtbücherei zu finden.